Ausgerüstet mit allerlei Regenkleidung steige ich auf’s Rad. Achtundreißig Minuten, vielleicht heute vierzig. An der Schule im reichen Vorort angekommen scherzen die Hausmeister bei meinem Anblick: „Wie ein begossener Pudel. Also, wenn man hiervon nicht niederländisch wird...“ „Ja, mittlerweile ist sie eingebürgert.“ Oh danke, grinse ich.
Alles Nasse ausziehen, Tee zapfen, erste Stunde Prüfungsaufsicht. Darum bin ich schon eine halbe Stunde vor der ersten Klingel an der Schule. Den richtigen Klassenraum finden. Meine Kollegin hat schon alles bereitgelegt. Drei Räume voller Schüler. Statt sechs Kollegen sind wir mit der Klingel um 8:15 nur vier.
So gelassen und selbstsicher wie möglich schreite ich durch den Raum, achtundfünfzig 15-jährige Gymnasiasten sitzen lesend und schreibend um mich rum. Ein paar Handys einsammeln, später extra Papier verteilen. Nach fünfundvierzig Minuten entlassen wir einander. In meiner Freistunde sortiere ich Tests und höre mir Klassenlehrersorgen eines Kollegen an.

In der dritten Stunde unterrichte ich ein paar der Schreibenden aus der ersten Stunde. Mittlerweile sind sie putzmunter. „Die Sozialkundearbeit war ok.“, finden sie. Lesefragen besprechen, Antworten zum Textverstehen vergleichen. Es geht um Skischulen und Gruppenreisen in die Alpen. Beim lauten Lesen werden einige Kids eifrig. Wie meistens bemühe ich mich um ein Klassengespräch. Tatsächlich, sie reden frei. Spätestens beim zweiten Anlauf auf deutsch. Zufrieden gehe ich in die Pause. Bis gleich.
Beim Tee erzählt eine Kollegin von einem Schüler, der seit Kurzem in meiner Wahlpflichtstunde Deutsch ist: sozial extrem schwierig, Asperger und viel gemobbt worden, intelligent und kreativ. Na, dann weiß ich jetzt besser, wie ich ihn begeistern und unterstützen kann. Danke.
Die vierte Stunde sitzen wieder die gleichen Halbstarken vor mir. Eine Schülerin erzählt, wie sie in Frankfurt shoppen war und den Weihnachtsmarkt besucht hat. Ihr Bruder wohnt da. Das wusste ich nicht. Sie bekommt wenig Aufmerksamkeit; ist eine der wenigen ohne Verhaltensprobleme und mit guten Noten in dieser Gruppe. Schlechtes Gewissen meinerseits. Wir wiederholen die drei Formen des Imperativs anhand von Schulregeln, die wir zu Befehlen machen: Schalt dein Handy aus. Passt gut auf. Kommen Sie pünktlich. Dann arbeiten die Schüler zu zweit an Aufgaben. Immer wenn eine Seite im Arbeitsbuch fertig ist, zeigen sie mir die Aufgaben und bekommen eine Kopie mit Lösungen zum Korrigieren. Eine relativ ruhige Stunde. Hierfür hab ich viel erziehen und haben die Jugendlichen viel üben müssen. Als es klingelt, haben die meisten alle Hausaufgaben für die nächste Deutschstunde fertig, einige haben sogar noch für den Erdkundetest nachmittags lernen können. Loben. Bis Dienstag. „Tschüss, mevrouw!“

Die Kleineren kommen ins Klassenzimmer. Guten Morgen. Müde Gesichter, strahlende Gesichter, aufgeregte Gesichter. Fenster auf, Fenster zu. Tische auseinander. Nur ein Stift auf dem Tisch. Ruhe. Klassenarbeit. Schminke und Trinkflaschen von den Tischen. Gespannt warten die meisten, dass es still wird, sie die Aufgaben bekommen und anfangen können. Die letzten Quatschenden bitte ich um Ruhe. Na also, es geht. Jeder hat den Test, alle schreiben. Himmlische Ruhe. Sie sind vertraut mit der Prozedur. Sie wissen, dass ich die ersten Minuten keine Fragen beantworte. Eine anspruchsvolle Arbeit, sie kennen die Aufgabentypen. Wir haben geübt. Auch später kommen kaum Fragen. Die Klasse ist konzentriert und relativ gelassen. Wer fertig ist, gibt ab und darf dann sein Handy nehmen oder für andere Fächer lernen. Es bleibt still, sozial, fair. Auch daran musste ich sie erst gewöhnen. Fünf Minuten vor der Klingel sind alle fertig. Ich lobe ihre Ruhe, sie haben gut gearbeitet. Heute Abend sind eure Noten online. „So schnell? Oh danke, mevrouw. Ich bin so neugierig.“ Gutes Gefühl beim Test? „Ja, nur eine Aufgabe fand ich schwer. Ist das richtig groß geschrieben? Und wo ich durchgestrichen hab und am Rand dann, das gehört noch dazu.“ ...
Pause. Ich habe keinen Unterricht mehr für heute. Mit den Kollegen Butterbrote essen. „Oh, das sieht ja lecker aus, Maria!“ Ja, wir haben eine Brotmaschine zuhause. Die Kollegen sprechen über den Klassenlehrerkurs, der diese Woche beendet wird. Die coachende Ex-Lehrerin ist gut, das Material verstaubt. Wie einzelne die Methoden auf ihre Klassen anwenden und warum ich auch nächstes Jahr keine Klassenlehrerin sein will.
Ich verzieh mich in den Lehrerarbeitsraum. Klassenarbeiten nachgucken. Zwei Stunden. Das Geschenk ist für dich. Was habt ihr gegen ihn? und Ich spiele Hockey. Sie ist meine Lieblingssportlerin. Ich bin zufrieden, fast überrascht. Die Anfänger haben gut gearbeitet, wieder so gute Noten wie im September, als die Atmosphäre in der Klasse besser, die Neugierde auf Deutsch groß und der Stoff noch gering war. Die Noten trage ich ins digitale Schulsystem ein und lade auch die (Haus-)Aufgaben der nächsten Woche hoch. Nicht mehr viel vor den Ferien. Mit Landeskunde lassen die Schüler sich gern belohnen. Ein Christstollenrezept, ein Film über Skiurlaub in Österreich, ein paar Redewendungen für Weihnachten. Die Größeren müssen außerdem bis Mitte Januar wieder eine Stunde auf deutsch fernsehen und darüber eine A4-Seite lang auf Niederländisch berichten. Programm selbst wählen. Wir hatten schon viele Kochshows und Dokus, aber auch Daily-Soaps und Krimis.

Auf dem Weg aus dem Schulgebäude laufen mir ein paar Bekannte über den Weg. Ich hab eure Arbeit schon nachgeguckt. Habt ihr super gemacht! Nein, welche Note du hast, weiß ich jetzt nicht. Der Schnitt ist 8,5. „Ich gucke sofort zuhause nach, mevrouw. Cool! Bis morgen.“ Als ich auf’s Fahrrad steige, ist es trocken und sonnig. Mit Podcasts des Deutschlandradios radel ich gegen den Wind nach Hause.
Verschwitzt freue ich mich über persönliche Post aus Kanada. Ich dusche. Die Nachrichten im Radio machen mich neugierig. Im Internet finde ich mehr über das Drama in Luik und den neuen Präsidenten. Surfen, lesen. Das Angebot für ein Einzeltraining Deutsch an einen Informatiker habe ich gestern mit Machiel verbessert. Jetzt maile ich dem potentiellen Kunden. Nachdem ich ein schwedisches Doku-Podcast geguckt hab, bereite ich die Schwedischkurse für morgen Abend vor. Die Lichterkönigin Lucia besingen und ein Haufen Adjektive zeichnen, erzählen über eigene Urlaubsfotos und die Zeitformen der Verben in einer Geschichte verwursten.
Jetzt ist es sechs Uhr. Das Essen brodelt auf dem Herd: Hirsotto mit Speck und Kürbis. Adventskerzen anzünden. Ein bisschen lesen: Kurzgeschichten von Ingo Schulze. Dann kommt Machiel. Wie war’s bei Mars? „Organisatorisches Chaos, aber technisch alles lösbar.“ Seit ein paar Wochen arbeitet er an einem Projekt für den Schokoriegel-Produzenten. Die Süßigkeiten wurden vor und nach dem Verpacken gezählt; dabei gab’s immer verschiedene Ergebnisse, was nicht an der Schokolade sondern am Personal lag. Nicht dass die Mitarbeiter so viel gegessen oder dazugelegt hätten, aber die Ströme verlaufen in jeder Schicht anders. Machiels Truppe soll das ausgleichen. Die Rechner müssen also anders zählen. „Und wie viele Kinder hast du heute geschlagen?“ Die jüngeren Schüler sind Gott sei Dank wieder geschmeidiger. „Wie schön. Was machst du jetzt anders? Wie geht das?“ Ich erzähle. Wir essen. Dann hau ich ab zum Singen. Der brasilianische Frauenchor macht mich wieder wach. Das Rekeln und Gähnen und Singen gibt mir jede Woche Energie. Danach gehen wir einen trinken. Morgen früh hab ich schulfrei.
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