Über ein Jahr wohne, arbeite, lebe, liebe ich jetzt in den Niederlanden. Monatelang dachte ich:
angekommen
integriert
kapiert
Diese Woche stürzen allerdings ein paar Mini-Kulturschocks auf mich nieder. Ich muss hier doch noch reinwachsen.
Einer Klasse 14-Jähriger kündige ich eine Klassenarbeit für Dienstag den 6. Dezember an. Ein Selbstmordversuch in der Aula wäre weniger spektakulär gewesen als das. Sechsundzwanzig Jugendliche protestieren und verzweifeln "Sinterklaas! Wat wordt uit Pakjes-Avond?" (Was soll bloß aus dem Nikolausfest werden?).
Klassenarbeit verschoben.
Die Acht-Uhr-Nachrichten gestern kommentierten geschlagene 5 Minuten lang den Besuch des niederländischen Premierministers im Weißen Haus. Dabei ging es nicht etwa um die Gesprächsthemen sondern um die Ehre, überhaupt beim amerikanischen Präsidenten zu Gast sein zu dürfen und darum, wer körpersprachlich mehr Gelassenheit ausstrahlt - Rutte oder Obama.
Bin ich verwöhnt mit einem gelassenen Staatsoberhaupt auf dem internationalen politischen Pakett.
Frau van Bijsterveldt, die Ministerin für Unterricht und Erziehung, hat diese Woche erklärt, Eltern sollen sich mehr mit ihren Kindern und deren Schule beschäftigen. Vermutlich beabsichtigte sie damit lediglich die oberflächliche Zwei-Fronten-Diskussion, die wir jetzt hören müssen:
- "Eltern kümmern sich doch heutzutage mehr als je zuvor."
- "Nein, Eltern finden sich selbst zu wichtig, schicken ihre Kinder weg und lassen die Blagen verwahrlosen."
- "Nein, haltet uns Lehrern die besorgten Eltern vom Hals!"
- "Nein, Erwachsene sind Pädophile, Kinder sind in Gefahr, Schulen brauchen Erziehungsunterstützung..."
wie bitte?
Bin gespannt, ob hier noch differenziert wird, bevor das Thema wieder vorbeigeplätschert ist. Polder, polder, polder.
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